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Vaterbilder in Japan – von Stützpfeilern und Arbeitstieren

In diesem Gastbeitrag von Flo erfährst du alles über die Vaterbilder in Japan von der Nachkriegszeit bis zu den 1980er-Jahren. Er hat im Rahmen seines Japanologiestudiums zu diesem Thema geforscht und ich freue mich, den ersten Teil seiner Reihe, die er auf seinem Blog fortführen wird, zu veröffentlichen.

Selbstvorstellung von Flo

Konnichiwa, ich bin Flo von Japanflog und dies ist mein erster Gastbeitrag auf Tims Blog. Ich selbst blogge seit rund einem Jahr über Japan und dachte mir, dass es einmal Zeit ist, etwas Neues zu probieren und einen anderen Japan-Blogger um einen Gastbeitrag zu bitten. Als Thema habe ich mir die Entwicklung der Vaterbilder in Japan ausgesucht. Warum gerade dieses Thema? Die Antwort ist einfach: Ich habe von September 2016 bis August 2017 ein Auslandsjahr in Tokyo verbracht und in dieser Zeit über neue Vaterbilder in Japan geforscht.

Zur Forschung nahm ich als Gast an einem Erziehungsseminar der Non-Profit-Organisation Fathering Japan (fazāringu japan, ファザーリング・ジャパン) teil und führte Interviews mit Vätern sowie werdenden Vätern, die ebenfalls an solchen Seminaren teilgenommen hatten. Ich suchte mir Fathering Japan aus, da diese Vaterorganisation sich seit ihrer Gründung 2006 dafür einsetzt, das Wissen über Erziehung von japanischen Vätern zu erhöhen sowie die gesellschaftliche Akzeptanz von erziehenden Vätern zu steigern. Ein Vater sollte eben nicht mehr nur als Familienernährer dienen, was früher seine traditionelle Rolle in Japan war.

Mein gesammeltes Forschungsmaterial führte schließlich zu meiner Abschlussarbeit über ein neues Vaterbild in Japan – einen Vater, der sich aktiv an der Erziehung seiner Kinder beteiligt. Das Thema war und ist immer noch hochaktuell, weil man zwar in den letzten Jahren eine Zunahme von männlichem Engagement im Hinblick auf Hausarbeit und Kindererziehung beobachten konnte, aber im internationalen Vergleich die Beteiligung und der Zeitaufwand von japanischen Vätern immer noch sehr niedrig sind.

Als Einstieg in das Thema „Vaterbilder in Japan“ wird im ersten Teil meiner Beitragsserie der Wandel der Vaterbilder von der Nachkriegszeit bis zu den 1980er-Jahren vorgestellt. In diesem Zeitraum war das Vaterbild in Japan stark vom Wirtschaftsboom und dem Aufkommen des sararīman (サラリーマン), des männlichen japanischen Büroangestellten, geprägt. Viel Spaß beim Lesen!

1. Das alte ie-System ()

Um die Entwicklung der Vaterbilder in Japan nach der Kapitulation im Zweiten Weltkrieg besser zu verstehen, sollte man das 1898 in der Meiji-Zeit unter dem Meiji Civil Code eingeführte ie-System kennen. Das ie-System sah eine Erbfolgeregel vor, die besagte, dass nur der erstgeborene Sohn für das gesamte familiäre Vermögen erbberechtigt war. Diese Regel sicherte damit den Männern eine herausragende Stellung im privaten sowie öffentlichen Raum.

Die Frauen und weitere Familienmitglieder standen unter der Kontrolle des Mannes und waren unter diesem System allgemein — insbesondere auch rechtlich — auf den Mann angewiesen. Dies änderte sich zwar 1947 mit der neuen Verfassung, die die Gleichberechtigung von Ehemann und Ehefrau, z. B. im Hinblick auf das Sorge- und Erbrecht, verankerte. Doch in den Köpfen vieler Japaner und ihrer Familien spielte und spielt auch heute noch das alte Familiensystem trotz offizieller Abschaffung eine Rolle.

2. Ein sararīman wird zur Säule des Hauses

In den 1950er-Jahren begann in Japan der Wiederaufbau und ein starker Wirtschaftsaufschwung setzte ein, der zu einer beschleunigten Urbanisierung und weiteren Industrialisierung führte. Durch die damit verbundene Zunahme der zur Mittelschicht gehörenden sararīman entwickelte sich eine strikte Trennung zwischen der Hausfrau, die sich um die „weibliche Sphäre“ des Haushalts kümmerte, und dem Ehemann, der in der „männlichen Sphäre“, seiner Firma, arbeitete.

Das Idealbild zu dieser Zeit war ein hart für die Firma arbeitender Mann, der nicht nur am Wirtschaftsaufschwung beteiligt war, sondern auch seine Familie finanziell versorgte. Auf der anderen Seite stand eine Hausfrau, die sich neben dem Haushalt um die Erziehung der Kinder kümmerte und somit in der Gesellschaft für den Nachwuchs verantwortlich war.

Vaterrollen in Japan, motivierte Salaryman
So sehen motivierte sararīman aus!

Das Vaterbild war stark von dem Begriff daikokubashira (大黒柱) geprägt. Laut der Ideologie des daikokubashira — ursprünglich das japanische Wort für den zentralen Stützpfeiler in einem Haus (siehe Titelbild) — ist der Ehemann das symbolische Zentrum seiner Familie und hat sie daher als Hauptverdiener zu unterstützen. Diese Rolle als Hauptverdiener ist zwar mit einer großen Verantwortung verbunden, aber sie sichert dem Ehemann gleichzeitig ein hohes Ansehen in der Gesellschaft sowie eine „gewisse Männlichkeit“.

3. Was denken die Männer? Interview-Zeit!

3.1. Gesetzlich herrscht Gleichberechtigung, aber…

Die japanische Sozialwissenschaftlerin Tomoko Hidaka führte 2004 Interviews mit 39 sararīman, die in großen Firmen mit mehr als 1000 Mitarbeitern arbeiteten bzw. gearbeitet hatten. Die Interviews fanden in den Präfekturen Chiba, Tokyo, Kanagawa, Hyōgo, Fukuoka und Kagoshima statt. Alle Interviewpartner wurden einer von drei Gruppen zugeteilt. Gruppe 1 waren Angestellte, die vor dem Zweiten Weltkrieg geboren wurden und zur Zeit des Interviews schon über 60 Jahre alt waren. Gruppe 2 bestand aus zwischen 1945 und 1964 geborenen Männern im Alter von 40 bis 60 Jahren. Schließlich befanden sich in Gruppe 3 zwischen 20 und 39 Jahre alte Männer, die zwischen 1965 und 1984 geboren wurden. Alle Männer wurden zu ihren persönlichen Vaterbildern und Männlichkeitsverständnis befragt.

Nahezu alle Interviewpartner beschrieben ihre Kindheit als „eine Kindheit, in der die Autorität des Vaters als Familienoberhaupt unumstritten war“. Daran erkennt man, dass das alte ie-System dem Vater immer noch Macht über seine Familie zusicherte. Diese war jedoch nicht mehr gesetzlich vorgeschrieben, sondern vielmehr in der Alltagspraxis zu finden.

Die hohe Machtposition des Vaters drückte sich durch Familienregeln und eine spezielle ehrenvolle Behandlung aus. Er hatte Anspruch auf den Ehrenplatz (kamiza, 上座)) am Esstisch oder das Recht, als Erster ins Bad gehen zu dürfen. Ein Teil der Interviewpartner aus Gruppe 3 sprach auf eine kritische Art über ihren Vater als einen „dominierenden Ehemann“ (teishukanpaku, 亭主関白), der die Mutter herumkommandierte und sich sexistisch benahm. Nur in dieser jüngsten Gruppe gab es direkte Kritik an den patriarchischen und dominierenden Einstellungen des Vaters und viele der Mitglieder favorisierten eine gleichberechtigte Beziehung zwischen den Ehepartnern.

3.2. „Männliche Kinderbetreuung“

Die Ideologie des daikokubashira und lange Arbeitszeiten sorgten dafür, dass der Vater nur eine sehr begrenzte Zeit zu Hause mit seinen Kindern verbrachte. Dementsprechend war es die Aufgabe der Mutter, sich um die Kinder zu kümmern. Das Ausmaß der Partizipation vonseiten der Väter an der Kinderbetreuung war besonders in den Wachstumsjahren verglichen mit anderen Ländern auf einem sehr niedrigen Niveau.

Viele der von Hidaka befragten Männer sprechen auch von „verschiedenen Definitionen von Kinderbetreuung“. Laut ihnen gab es zum einen die „mütterliche“ Kinderbetreuung, die für die physische und emotionale Seite verantwortlich war, und zum anderen die „väterliche“ Betreuung, die indirekter war und sich durch einen für die Familie arbeitenden Vater bemerkbar machte. Ein Mann antwortete mit „Jeder Vater nimmt an der Kinderbetreuung teil. Männer arbeiten hart. Ich denke, das ist auch Kinderbetreuung.“

Neue Vaterrolle in einer japanischen Famile
Väter, die sich intensiv um ihre Kinder kümmern, waren lange Zeit die Ausnahme.

Interessanterweise gab die Mehrheit der Männer in Gruppe 3 verglichen mit rund der Hälfte aus Gruppe 2 an, gegen die Ungleichheit in der Verteilung der Arbeit und Haus- bzw. Erziehungsarbeit zu sein. Doch in ihren eigenen Familien war die Situation zumeist genauso: Fünf von sieben verheirateten Männern aus Gruppe 3 hatten professionelle Hausfrauen und waren Alleinverdiener.

3.3. „Stolzer Vater“ und „weise Mutter“

Zwei Männer aus Gruppe 3 gaben an, die Rolle als daikokubashira anzustreben: „Ich möchte auf jeden Fall ein daikokubashira werden. […] meine Familie zu unterstützen […] hat etwas mit Männlichkeit zu tun. Wenn also umgekehrt meine Frau meine Familie unterstützt, verletzt das meinen Stolz.“ Außerdem suchten viele der unverheirateten Männer aus dieser Gruppe nach einer „guten Frau und weisen Mutter“ (ryōsaikenbo, 良妻賢母) und damit nach einem weiblichen Gegenpart zum männlichen daikokubashira.

Die Studienleiterin Hidaka kam zu dem Schluss, dass für alle drei Gruppen das Konzept des daikokubashira — eine Vaterrolle mit möglichst wenig Teilnahme an der Erziehungsarbeit — eine große Rolle für ihr Männlichkeitsverständnis und Vaterschaftskonzept spielte.

4. Home, Sweet Home

Am Ende der 60er-Jahre kam das Trendwort mai homu shugi (マイホーム主義, „Zuhause-Prinzip“) auf. Es war eine Zeit, in der sich immer mehr sararīman und ihre Familien ein Eigenheim leisten konnten, und man begann, sich auf sein neues Heim und die darin lebende Kernfamilie zu konzentrieren. In einem Aufsatz von Gregory Bennett über das Zuhause-Prinzip schreibt er: „Es diente dazu, die Akzeptanz der Vorstellung zu erhöhen, dass persönlicher Besitz und Individualismus nicht unbedingt in einem negativen Licht gesehen werden müssen, und betonte die Wichtigkeit der Kernfamilie, als Tokyo begann, sich zu erweitern und als moderne Metropole zu wachsen.”

Der soziale Wandel mit der Abkehr von der Großfamilie und einer Zuwendung zur Kernfamilie bedeutete jedoch, dass der Vater als Alleinverdiener viel arbeiten musste, um das neue Eigenheim zu finanzieren. Gleichzeitig tauchten in Japan westlich angehauchte Feminismus-Bewegungen auf und Frauen sowie Männer hofften auf mehr Geschlechtergleichheit. Der in den 70er-Jahren weiter wachsende Feminismus und Bilder ausländischer Familien in den Medien sorgten zusätzlich dafür, dass einige Männer den unterschiedlichen Lebensstil von Männern und Frauen infrage stellten.

Auf der anderen Seite symbolisierten bis Mitte der 70er-Jahre die Produktivität und das Vermögen der Haushalte der sararīman den im Wirtschaftsboom erreichten Wohlstand. Beide wurden von den Medien und in der Öffentlichkeit weiterhin idealisiert. In den 70er- und 80er-Jahren kamen schließlich erstmals Wörter wie karōshi (過労死, „Tod durch Überarbeitung“) und wākahorikku (ワーカーホリック, Workaholic) auf. Diese neuen Wörter standen besonders stark für die Unterordnung der Familie gegenüber der Arbeit des Mannes und beschrieben die oft harte Arbeitswelt der sararīman.

Erschöpfer japanischer Vater nach der Arbeit.
Tod durch Überarbeitung ist leider immer noch keine Seltenheit in Japan.

5. Fazit und Ausblick

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass in den Jahren wirtschaftlichen Aufschwungs das Vaterbild in Japan von einem für die Arbeit lebenden Vater geprägt war, der die Familie zwar finanziell unterstützte, aber sich aufgrund traditioneller Wertvorstellungen, einer strikten Arbeitsteilung zwischen den Ehepartnern und materialistischen Wünschen kaum an der Kindererziehung beteiligte bzw. beteiligen konnte.

Ich hoffe, euch hat dieser kleine Ausflug in die Geschichte der Vaterbilder in Japan gefallen. Wenn euch die weitere Entwicklung der Vaterbilder von den 80er-Jahren bis heute interessiert, könnte ihr gerne auf meinem Blog vorbeischauen. Dort werde ich in Zukunft weiterführende Beiträge zu diesem Thema veröffentlichen. Hier ist schon mal ein kurzer Teaser:

Der zweite Beitrag wird von den nachfolgenden 80er- und 90er-Jahren handeln, die im Zeichen des steilen Aufstiegs Japans zur globalen Wirtschaftsmacht und dem abrupten Ende der sogenannten „Bubble Economy“ standen. Der Wechsel vom Aufschwung zur Rezession, eine sich wandelnde Arbeitswelt und ein starker Geburtenrückgang sorgten für eine Neuorientierung der Regierung und einiger Väter. Im dritten Beitrag wird die Vaterrolle ab der Jahrtausendwende bis heute vorgestellt. In dieser Zeit gründete sich Fathering Japan und das Phänomen der ikumen (イクメン), des coolen Vaters, kam auf.

Danke fürs Lesen. Man sieht sich! Mata ne!

Quellen

Ich habe hauptsächlich Quellen benutzt, die ich in meiner Bachelorarbeit verwendet habe. Alle anzugeben dauert zu lange, aber wenn sich jemand für die Quellen interessiert, kann ich gerne ein paar Bücher/Webseiten empfehlen.

Fragen bitte!

Wenn du noch Fragen über Vaterbilder in Japan hast, würde ich dich in diesem Fall auf den Blog von Florian verweisen. Wenn du deine Meinung zu dem Thema in den Kommentaren preisgeben möchtest, würde ich mich natürlich auch sehr freuen.

Falls dir der Gastbeitrag „Vaterbilder in Japan – von Stützpfeilern und Arbeitstieren“ gefallen hat, dann ist vielleicht auch mein Beitrag „Die Geschichte der japanischen Kleidung“ interessant für dich.

Eine Antwort auf „Vaterbilder in Japan – von Stützpfeilern und Arbeitstieren“

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