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Die japanische Staatsverschuldung – Auswirkung von Corona

Was manch einen vielleicht überraschen mag, ist, dass Japan der weltweit am stärksten verschuldete Staat ist. Die japanische Staatsverschuldung, oft angegeben durch die Staatsschuldenquote (Verhältnis der Staatsschulden zum Bruttoinlandsprodukt), beträgt erstaunliche 266.2 % und liegt damit noch vor Staaten wie dem Sudan, Griechenland oder Eritrea. Nun hat Japan im Rahmen der Maßnahmen zur Stabilisierung der Wirtschaft aufgrund der Corona-Pandemie erneut viele Schulden aufgenommen. In diesem Beitrag möchte ich darauf eingehen, wie Japan im Vergleich zu anderen Ländern dasteht, wie Japan solch einen Schuldenberg anhäufen konnte, welche Auswirkungen die Corona-Pandemie hat oder haben könnte und was die langfristigen Auswirkungen der Geldpolitik Japans sein könnten und wieso auch Deutschland einen genauen Blick auf Japan werfen sollte.

Vergleich zu anderen Ländern

Das obige Diagramm zeigt die Staatsverschuldung im Jahr 2020 der G-7 Länder. Die G-7 sind ein Gremium aus den zu ihrer Gründungszeit bedeutendsten Industrienationen der westlichen Welt. Wie das Diagramm zeigt, hat Japan im Vergleich zu ähnlichen Staaten eine extrem hohe Staatsschuldenquote. Mit 266,2 % liegt diese deutlich über der des krisengebeutelten Italiens, welche bei 161,8 % liegt. Ich werde weiter unten in diesem Blogbeitrag darauf eingehen, warum eine hohe Staatsverschuldung zu einem Problem werden kann und warum Japan auch mit einer hohen Staatsverschuldung noch einigermaßen gut zurechtkommt.

Um das Ausmaß der japanischen Schulden zu verdeutlichen, zeigt das obige Diagramm die 5 Länder mit der höchsten Staatsschuldenquote. Dabei muss man auch bedenken, dass Japan im Vergleich zu den anderen 4 Ländern ein hohes Bruttoinlandsprodukt hat, nominal ist die Staatsverschuldung also deutlich höher als bei den anderen 4 Ländern. Das Diagramm zeigt, dass kein anderes Land so hoch verschuldet ist wie Japan.

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1.159.028.900.000.000 Yen
(~9.390.575.236.669 Euro)

Die Summe der japanischen Schulden laut dem japanischen Finanzministerium zum 30.06.2020

Entwicklung der japanischen Schulden

Natürlich stellt sich die Frage, wie Japan so viele Schulden anhäufen konnte. Wie das obige Diagramm zeigt, hatte Japan lange Zeit eine ähnliche Schuldenquote wie andere vergleichbare Länder. 1980 lag die Staatsschuldenquote sogar nur bei 48.8 %. In Japan löste das Platzen der Aktien- und Immobilienblase von 1990 die starke Verschuldung aus. Die Regierung konnte ihre hohen Ausgaben aufgrund der schwächelnden Wirtschaft nicht mehr decken und nahm deswegen Schulden auf. Auch der Leitzins ist seit 1990 auf null Prozent. Die japanische Wirtschaft ist seit 1990 angeschlagen. Deswegen wird auch von den verlorenen 30 Jahren gesprochen (1990-2020).

Man sieht die Auswirkung einer Wirtschaftskrise auch sehr schön am Beispiel von Griechenland, dessen Staatsschuldenquote sich seit 2008 verdoppelt hat. Das liegt natürlich auch am gesunkenen Bruttoinlandsprodukt. Seit 2002 kauft die japanische Zentralbank, die Bank of Japan (BoJ), die japanischen Staatsanleihen (JGB) mit neu geschaffenem Geld vom Markt auf. Durch diesen „Trick“ steigen die Schulden, ohne dass der Zins steigt. Da Käufer der Staatsanleihen sicher sein können, diese ohne Abschlag sofort an die japanische Zentralbank weiterverkaufen zu können. Ein weiterer Vorteil, den Japan hat, ist, dass die Gläubiger zum großen Teil im Inland sitzen. So werden 90 % der japanischen Staatsschulden von Inländern gehalten. Das und die Tatsache, dass Japan selbst weltweit der größte Kreditor ist, halten den Wechselkurs stabil.

Viele fragen sich bestimmt: Wem schuldet Japan denn eigentlich Geld? Der größte Gläubiger Japans ist die eigene Notenbank, also die BoJ. Diese hat mittlerweile mehr als 50 % der japanischen Staatsanleihen auf ihrer Bilanz stehen.

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Modern Monetary Theory (MMT)

Die Modern Monetary Theory (MMT) besagt, dass ein Land mit eigener Währung Geld „drucken“ kann, um Schulden zu bezahlen. Die Zentralbank muss nur dafür sorgen, dass die Zinsen tiefer bleiben als die Wachstumsrate des Bruttoinlandsproduktes. Bisher handelt es sich hierbei aber wirklich nicht um mehr als eine Theorie. Die mittel- bis langfristigen Folgen kennt noch niemand. Kurzfristig scheint das Modell zumindest für Japan aufzugehen.

Auswirkung von Corona

Um die wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona Pandemie bzw. der Corona-Maßnahmen abzudämpfen, haben quasi alle Industrienationen Rettungspakete in Form von Finanzhilfen geschnürt. Japan bildet dabei keine Ausnahme. Das erste Rettungspaket wurde am 30. April genehmig und umfasste 25.7 Billionen Yen. Das zweite Rettungspaket umfasste weitere 31.9 Billionen Yen und wurde am 12. Juni bewilligt. Diese Pakete beinhalteten auch Helikoptergeld in Form von Transferleistungen für die gesamte Bevölkerung (100.000 Yen für jeden Einwohner) sowie Subventionen für kleine und mittelständische Unternehmen und auch die „Go To“-Kampagne, die es auch in Deutschland zu einiger Bekanntheit geschafft hat. Diese soll durch eine bis zu 50%ige Bezuschussung den Inlandstourismus ankurbeln.

Zusätzliche wies die japanische Regierung die staatlichen Finanzinstitute an, Kredite ohne Zins und Kreditsicherheiten an Personen, die von der Corona-Krise betroffen sind, auszugeben. Die japanische Regierung schätzt, dass sich der gesamte wirtschaftliche Effekt auf ca. 234 Billionen Yen (40 % des BIP) belaufen wird. Und woher kommt das Geld? Natürlich durch die Ausgabe neuer Staatsanleihen. Allein im Fiskaljahr 2020 wurden 90.2 Billionen Yen an neuen Staatsanleihen emittiert. Das ist mehr als die doppelte Menge im Vergleich zum Jahr 2019.

Es wird geschätzt, dass Japan bis zum Ende des Jahres 2020 964 Billionen Yen an ausstehenden Staatsanleihen haben wird.

Langfristige Auswirkungen

Eines möchte ich vorwegsagen. Was genau die langfristigen Folgen einer hohen Verschuldung eines Staates und den gleichzeitigen Aufkauf der Schuldscheine durch die eigene Zentralbank bewirkt, kann noch keiner mit Gewissheit sagen, da das gerade quasi zum ersten Mal passiert. Auch die Europäische Zentralbank (EZB) und die amerikanische Zentralbank (Fed) kaufen massiv die eigenen Staatsanleihen auf, um den Zins für die Regierungen niedrig zu halten. Aber Japan ist uns mit diesem Modell schon einige Jahre voraus, sodass angenommen werden kann, dass die Auswirkung einer solchen Fiskalpolitik zuerst in Japan bemerkbar sein wird.

Steuererhöhungen

Eine logische Folge sind natürlich Steuererhöhungen, denn die Schulden müssen schlussendlich zurückgezahlt werden. Schon jetzt fressen die Zins- und Tilgungszahlungen 23 % des japanischen Haushalts auf. Auch der neue Regierungschef Yoshihide Suga, dem von der Regierung Abe ein riesen Schuldenberg hinterlassen wurde, verkündete jüngst, dass weitere Mehrwertsteuererhöhungen unvermeidlich seien (Quelle). Schon jetzt ist die Mehrwertsteuer seit 2014 schrittweise von 5 % auf heute 10 % gestiegen.

Inflation

Wenn man der traditionellen VWL folgt, müsste eine steigende Geldmenge bei gleichbleibender Gütermenge zu einer Inflation führen. Diese Regel gilt aber in der Realität schon lange nicht mehr. Die Geldmenge ist in Japan von 2000 bis 2020 um 176 % gestiegen, aber statt mit einer Inflation hat Japan mit einer Deflation zu kämpfen. Grund dafür ist vermutlich die schrumpfende Bevölkerung. Es gibt dennoch Kritiker, die befürchten, dass ein plötzlicher Anstieg des Konsums zu einer sprunghaften Inflation führen könnte. Ich kann mir das ehrlich gesagt kaum vorstellen, denn wie ich Japan erlebt habe, wird dort schon extrem viel konsumiert.

Stagnation

Wenig bis gar kein Wachstum sind eine weitere Folge der japanischen Politik. Normalerweise hat Geld einen natürlichen Allokationsmechanismus. Dieser geht durch die Niedrigzinspolitik zumindest teilweise verloren und das Geld sammelt sich in großen Unternehmen. Firmenpleiten sind in Japan quasi kaum möglich, da die Neuverschuldung spottbillig ist. Auch Unternehmen mit extrem schlechter Bonität, in die keine Person auch nur 1 € seiner Ersparnisse stecken würde, können sich Kredite mit sehr niedrigen Zinsen holen und Anleihen zu genau so niedrigen Zinsen emittieren. Dadurch verschwinden unprofitable Unternehmen nicht vom Markt und machen auch keinen Platz für neue, profitablere und agilere Unternehmen. Stichwort: Zombieunternehmen. Reformen werden so in die Zukunft verschoben. Die Wachstumsflaute zeigt sich auch in den stagnierenden japanischen Reallöhnen. Die japanische Wirtschaft ist in den letzten 30 Jahren im Durchschnitt lediglich um 1,6 % im Jahr gewachsen. In den letzten 20 Jahren sogar nur um 0,5 %. Dabei ist die Corona-Krise noch nicht mal berücksichtigt.

Belastung zukünftiger Generationen

Trotz der extrem niedrigen Zinsen ist der Betrag für die Rückzahlung der Staatsanleihen bereits der zweithöchste Posten im Haushaltsplan. Das heißt, langfristig wir nur eine Erhöhung der Steuern oder die Einsparung von öffentlichen Ausgaben bleiben. Das bedeutet in jedem Fall eine wachsende Belastung für zukünftige Generationen.

Fragen bitte!

Wenn du noch Fragen über die japanische Staatsverschuldung hast, würde ich mich sehr über einen Kommentar freuen. Auch wenn du einen Verbesserungsvorschlag hast, freue ich mich natürlich über einen Kommentar.

Falls dir mein Beitrag „Die japanische Staatsverschuldung – Auswirkung von Corona“ gefallen hat, dann ist vielleicht auch mein Beitrag „Der Mindestlohn in Japan“ interessant für dich.

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