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Alltägliches Auslandssemester Japan Während des Auslandssemesters

Japanische Universitäten – 8 Unterschiede zu Deutschland

In diesem Beitrag stelle ich euch die Unterschiede zwischen japanischen und deutschen Universitäten vor. Wie Leser meines Blogs wissen habe ich über meine Heimatuniversität, die Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU), ein Auslandssemester an der Universität Tokio absolviert. Dabei gab es einige interessante Unterschiede, von denen manche bekannt und andere weniger bekannt sind. Japanische Universitäten haben zum Beispiel einen richtigen Campus und leckeres Mensaessen. In diesem Beitrag erfahrt ihr von 8 Unterschieden, die mir besonders aufgefallen sind.

1. Ein richtiger Campus

In Japan gehört zu einer Universität in der Regel ein richtiger Campus. In Deutschland, beispielsweise an der LMU sind die Universitätsgebäude dahingegen über die gesamte Stadt verteilt. Anders sieht das in Japan, zumindest an der Universität Tokio, aus. Dort gibt es einen richtigen Campus mit den Universitätsgebäuden, mehreren Mensen, Food Trucks, einem Fitness Center, Supermärkten, einem Buchladen, Schwimmbecken, Sporthallen, Sportplätzen und vieles mehr. Auf dem Campus der Universität Tokio gab es zum Beispiel sogar ein Starbucks-Café. Natürlich gibt es das teilweise auch in Deutschland, so weiß ich, dass es auch an der TU München in Garching einen richtigen Campus gibt, aber meiner Erfahrung nach sind Campus-Universitäten in Japan verbreiteter.

2. Anzahl der Studenten

Obwohl sich in Japan deutlich mehr Jugendliche nach der Schule für ein Studium entscheiden (in Japan hatten 2007 41 % der Menschen einen Universitätsabschluss, in Deutschland 24 % [Statista]), sind die Klassenräume in der Regel deutlich kleiner. Ich kann natürlich nicht für jede Universität in Deutschland und Japan sprechen. Daher bezieht sich der Vergleich eher auf die Unterschiede zwischen der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München und der Universität Tokio (Tokyo University) in Tokio, da ich an beiden Universitäten studiert habe.

Zumindest an der LMU war es so, dass im BWL-Bachelor das Audimax (850 Plätze) nicht gereicht hat und die Vorlesung sogar noch in einen anderen großen Hörsaal gestreamt werden musste. Japanische Universitäten haben, zumindest meiner Erfahrung nach, eher kleinere Hörsäle. Die Hörsäle sind oft eher in der Größe eines Klassenraums in der Schule. Es gibt zwar auch einige größere Hörsäle, aber so groß wie in Deutschland sind diese nicht. An der LMU waren zum Wintersemester 2019/2020 52.425 Studenten immatrikuliert an der Universität Tokio lediglich 14.058.

Im Master würde ich hingegen sagen, dass es sehr ähnlich ist. Dort sind auch an der LMU zumindest in der Finance-Spezialisierung so um die 30 Studenten im Hörsaal. Das entspricht auch ungefähr der Anzahl bei den Masterstudiengängen an der Universität Tokio. Extremfälle, wie Vorlesungen, an welchen nur drei Studenten teilnehmen, gibt es sowohl in Japan, als auch in Deutschland.

Anzahl der Unis und Studenten

In Japan gibt es 782 Hochschulen, davon sind ca. 592 privat und 173 staatlich. Die restlichen fallen in eine andere Kategorie oder wurden nicht erfasst. Was man sofort sieht, ist, dass private Hochschulen in Japan eine viel größere Rolle spielen als in Deutschland.

In Deutschland gibt es lediglich 424 Hochschulen, von denen 107 Universitäten sind. Bei 120 der Hochschulen handelt es sich um private Einrichtungen.

Die fünf größten Präsenzunis in Deutschland und Japan im Vergleich

Deutschland (WS 2019/20)

  1. Universität zu Köln: 54.105
  2. Ludwig-Maximilians-Universität München: 52.425
  3. RWTH Aachen: 45.944
  4. Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main: 45.604
  5. Westfälische Wilhelms-Universität (Münster): 45.022

Gesamtzahl der Studenten in Deutschland: 2.892.044

Japan

  1. Nihon-Universität: 67.353
  2. Waseda-Universität: 39.573
  3. Kinki-Universität: 33.370
  4. Ritsumeikan-Universität: 32.338
  5. Tōyō-Universität: 30.826

Gesamtzahl der Studenten in Japan: 2.909.159

Zusammenfassend könnte man sagen, dass die Gesamtzahl der Studenten zwar ähnlich ist, sich aber in Japan auf deutlich mehr Universitäten verteilt. Es gibt in Japan zwar auch Massenunis wie die Nihon-Universität, aber die Anzahl der Studenten ist im Schnitt deutlich geringer. So fällt schon Platz 2, die Waseda-Universität, unter alle fünf Universitäten der Top 5 aus Deutschland.

3. Kaum Vorlesungen auf Englisch

Ein weiterer großer Unterschied ist, dass es in Japan kaum Vorlesungen auf Englisch gibt, während es an der LMU im BWL-Bereich eher andersherum ist und es eigentlich kaum Vorlesungen auf Deutsch gibt. Im Bachelor gab es an der LMU in BWL je nach Spezialisierung ca. 50 % deutsche und 50 % englische Vorlesungen und im Master eigentlich zu 100 % englische Vorlesungen. Auch die Abschlussarbeiten also Bachelor- und Masterarbeit werden in der Regel auf Englisch angefertigt.

In Japan gibt es zwar auch häufig speziell auf Ausländer zugeschnittene Programme, wo es dann auch Vorlesungen auf Englisch gibt, Japaner wird man dort aber in aller Regel nicht antreffen. Die Vorlesungen für die japanischen Studenten sind im Bachelor und im Master meistens zu 100 % auf Japanisch. Obwohl die Universität Tokio ja als beste und prestigereichste Universität Japans gilt, war es auch dort nicht anders. Ich habe einige Vorlesungen auf Englisch und einige auf Japanisch besucht. In den Vorlesungen auf Englisch waren zu 100 % Ausländer und in den japanischen Vorlesungen hauptsächlich Japaner und ein paar Austauschstudenten aus China und Südkorea.

Japanische Universitäten haben nur wenige Vorlesungen auf Englisch. Dieses Bild zeigt eine Slide einer Vorlesung auf Englisch mit einem Rechtschreibfehler.
Lustiger Rechtschreibfehler bei einer Vorlesung an der Universität Tokio

4. Besseres Mensaessen

Das Mensaessen ist an japanischen Unis (zumindest meiner subjektiven Meinung nach) deutlich besser als in Deutschland. An den Universitäten in München ist es ein Run­ning Gag, dass die Polenta der Mensa eher Bauschaum ähnelt und mehr von Dämmmaterial als von einem Lebensmittel hat. Auch in Deutschland finde ich das Mensaessen jetzt nicht komplett schlecht, schließlich habe auch ich mich oft für ein Mittagessen in der Mensa entschieden, aber das Essen in der Mensa der Universität Tokio war deutlich besser.

Mein Lieblingsessen in der Mensa der Universität-Tokio war クリームチーズ入りメンチ (paniertes und frittiertes Hackfleisch mit Frischkäsefüllung), aber auch 味噌カツカレー (Schnitzel mit Miso und Curry) war sehr lecker. Die Akamon-Ramen der Universität Tokio sind japanweit bekannt. Preislich würde ich sagen war das Essen an der Universität Tokio vielleicht ein bisschen teurer, aber nicht viel. Es kann übrigens jeder in der Mensa der Universität Tokio essen, auch „Nichtstudenten“. Auch viele weitere japanische Universitäten sind für „Nichtstudenten“ geöffnet. Der Preis ist auch für alle gleich. Es gibt nur einen 10 % Rabatt wenn man der Studentenkooperation beitritt, aber das war es für mich nicht wert.

5. Studiengebühren

Anders als in Deutschland, wo man in der Regel nur einen geringen Semesterbeitrag zahlt (an der LMU betrug der Semesterbeitrag zum Wintersemester 2020/2021 142,40 €), fallen für japanische Universitäten richtige Studiengebühren an. Diese sind besonders auf den privaten Universitäten wie Keio oder Waseda sehr hoch. Aber auch die Studiengebühren der staatlichen Universitäten die in Japan als niedrig gelten wären für viele deutsche Studenten wahrscheinlich ein Grund nicht zu studieren.

Durchschnittliche Studiengebühren in Japan

Durchschnitt staatliche Unis6.355,27 €
Durchschnitt private Unis10.905,38 €
Durchschnittliche Studiengebühren in Japan [Joyo Bank]

Dabei fällt in der Regel eine Gebühr bei der Aufnahme in die Universität an (入学料) sowie jährliche Unterrichtsgebühren (授業料). Bei privaten Unis gibt es außerdem noch Einrichtungsinstandhaltungsgebühren (施設整備費). In der obigen Tabelle sind die Kosten für ein vollständiges Studium (Äquivalent zum Bachelor) angegeben. Ich habe an der LMU für mein Bachelorstudium insgesamt ca. 420 € ausgegeben. Wobei das Studium in Japan auch 1 Jahr länger dauert, also 4 Jahre statt der 3 Jahre in Deutschland.

Als Austauschstudent bezahlt man, wenn man über seine Heimatuni in Deutschland in Japan studiert, natürlich keine Studiengebühren.

6. Eignungsprüfungen

Anders als in Deutschland wo die Studienplatzvergabe in der Regel fast ausschließlich oder zumindest zu einem großen Teil durch den Notenschnitt im Abiturzeugnis geregelt wird, halten japanische Universitäten Eignungsprüfungen ab, die über die Zulassung entscheiden. Es ist in Japan keine Seltenheit, dass sich Schüler nach dem Schulabschluss 1 Jahr Zeit nehmen, um sich nur auf die Uniaufnahmeprüfungen vorzubereiten. Diese Schüler nennt man Rounin. Dabei unterscheidet sich, je nach Universität, der Stoff, der in den Aufnahmeprüfungen abgefragt wird und umso besser die Uni ist, desto schwerer ist auch die Aufnahmeprüfung. Ich habe mir einige der Aufnahmeprüfungen (Universität Tokio und Keio) angeschaut und muss ehrlich sagen, dass diese nicht deutlich schwerer sind als ein gutes Abitur in Deutschland (eher weniger schwer, gerade im Bereich Englisch). Wobei der Matheteil schon eher anspruchsvoll ist, auch wenn man matheaffin ist.

7. Prestige der Uni entscheidet über Karriere

In Japan zählt in der Regel nicht der Notendurchschnitt an der Uni oder die Anzahl der Praktika beim Berufseinstieg, sondern vor allem der Name, und der damit verbundene Prestige der Universität, von der ein Berufsanfänger seinen Abschluss erhalten hat. Dabei unterteilen sich die Universitäten in verschiedene Ränge. Oft werden die Unis von Rang S oder A bis Rang F durchnummeriert. Man sagt, dass man mindestens auf einer MARCH (siehe Tabelle unten) Uni gewesen sein sollte um später einen guten Job zu finden. Über Unis von Rang F sagt man, dass es reicht wenn man seinen Namen schreiben kann um aufgenommen zu werden.

SDie ehemaligen kaiserlichen Universitäten (z.B. Universität Tokio und Universität Kyoto)
APrivate Eliteunis (z.B. Waseda, Keio, Showa)
BÜberdurchschnittliche öffentliche und staatliche Unis (z.B. Universität Chiba, Universität Tsukuba)
CÜberdurchschnittliche Unis (z.B. MARCH (Meiji, Aoyama, Rikkyō, Chūō, Hōsei))
DDurchschnittliche Unis (z.B. Nihon-Universität, Tōyō-Universität)
EUnterdurchschnittliche Unis (z.B. Musashino Universität, Risshō-Universität)
FAlle anderen Unis
Japanisches Uni-Ranking (basierend auf der Rangliste von Takumikku)

Wenn du dich noch mehr für den Rang einer Universität interessierst, kann ich dir die Rangliste von Takumikku (Japanisch) empfehlen. Ein noch objektiveres Ranking findest du auch bei Minkou (Japanisch). Wenn du Interesse an einer vollständigen Liste auf Deutsch hättest, kannst du gerne einen Kommentar schreiben, dann werde ich sie anfertigen, ich dachte nur, dass eine vollständige Liste für die meisten nicht interessant ist.

8. Niedriges Niveau?

„Haben japanische Universitäten das gleiche Niveau wie in Deutschland?“ ist eine Frage, die man häufig von zukünftigen Austauschstudenten gestellt bekommt. Ohne Übertreibung ist das Niveau auch in japanischen Veranstaltungen deutlich niedriger als in Deutschland. Sowohl in Bachelor- als auch in Masterveranstaltungen ist das Anforderungsniveau und auch die später daraus resultierenden Note nicht vergleichbar mit Deutschland.

Ich brauchte nicht mehr so viele ECTS, weil ich schon viele Veranstaltungen in Deutschland vorgezogen hatte. Ich habe deswegen „nur“ vier Veranstaltungen besucht. Davon habe ich in drei Veranstaltungen eine 1.0 bekommen und in einer eine 2.0 (es gibt nur ganze Noten). Dabei war die 2.0 sogar noch in der Veranstaltung, die ich auf Englisch besucht habe und somit nur von „Ausländern“ besucht wurde. Bei den Veranstaltungen, die ich auf Japanisch besucht habe, hatte ich nur 1.0. Mein Zwillingsbruder war auch im Bachelor an der Universität Osaka und im Master an der Universität Kyoto und hat auch beide Male nur 1.0 mit nach Deutschland genommen. Von der Universität Kyoto hat er sechs 1.0 mit nach Deutschland genommen.

Notenspiegel mit fünf Mal 1.0 von der Universität Kyoto.
Fünf Mal 1.0 (A) von der Universität Kyoto (2 Credits entsprechen übrigens 4 ECTS)

Aber ich möchte noch mal betonen, dass das nicht daran liegt, dass Japaner weniger könnten. Die Noten in der Universität sind einfach nicht so wichtig. Das wichtige ist die Eignungsprüfung und die damit verbundene Aufnahme in eine der Top Unis. Für viele Japaner ist die Unizeit, die Zeit, in der sie die meiste Freizeit ihres Lebens haben und viele nutzen sie um zu reisen oder sich anderweitig zu beschäftigen. Der Uniabschluss hat auch keine Aussagekraft über den Beruf, den man später ausführt. Es ist im Prinzip egal ob man BWL, Jura, Germanistik oder Maschinenbau studiert. Im Bewerbungsprozess spielt der Studiengang nur eine untergeordnete Rolle.

Fragen bitte!

Wenn du noch Fragen zum Thema „Japanische Universitäten“ hast, würde ich mich sehr über einen Kommentar freuen. Auch wenn du einen Verbesserungsvorschlag hast, freue ich mich natürlich über einen Kommentar.

Nützliche Links und Quellen

Wenn dir mein Beitrag „Japanische Universitäten – 8 Unterschiede zu Deutschland“ gefallen hat, dann ist vielleicht auch mein Beitrag „Studienausflug nach Kyoto mit der Universität Tokio“ interessant für dich.

6 Antworten auf „Japanische Universitäten – 8 Unterschiede zu Deutschland“

Eine sehr interessante Aufstellung, v.a. die Studentenzahlen fand ich interessant. Ich war bisher nur auf dem Todai-Campus und auch nur als Besucherin. Als ich nach Japan gezogen bin, war ich schon mit dem Studium fertig, daher finde ich solche Insider-Infos immer sehr spannend. 🙂

Da ich mich im Studium mit Wissenschaftssprachen beschäftige, kann ich bestätigen, dass in Japan das Englische an Universitäten nur in geringem Umfang Verwendung findet und dies ist auch zu begrüßen. Wie du am Beispiel der LMU gut beschrieben hast, wird an Deutschlands Unis das Englische oft sorglos, unüberlegt und häufig auch unnötigerweise verwendet. Darunter leidet, wie sprachwissenschaftliche Befunde zeigen, die wissenschaftliche Begriffsbildung und es entstehen Probleme mit dem Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse in die Gesellschaft. Außerdem stellen sich Fragen der Demokratie und Teilhabe und der Deutungshoheit bei der Verwendung einer ehemaligen Kolonialsprache und Sprache der mächtigsten Länder der Welt. Keine Sprache ist neutral. Ein Blick nach Japan würde sich hierbei auf jeden Fall lohnen. Danke für einen Einblick in die sprachliche Welt Japans. Das sollte man der Öffentlichkeit noch viel mehr bewusst machen.

Hallo Jonathan, vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar. Es freut mich, dass dir mein Beitrag gefallen hat. Interessanterweise habe ich auch mal irgendwo in einen Artikel gelesen, dass man in verschiedenen Sprachen auch unterschiedliche Denkmuster annimmt und der starke Fokus aufs Englische somit zu einer Abnahme der Variation der Ideen und Lösungsansätze in der Forschung führen könnte. Natürlich bietet eine gemeinsame Wissenschaftssprache auch Vorteile, wenn es um Kollaboration o. Ä. geht. Aber ich kann deine Kritik durchaus nachvollziehen.

~ Tim

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